Jeder Fotograf ist begeistert, wenn ein Löwe gähnt. Das weit aufgerissene Maul mit entblößten Zähnen und herausgestreckter Zunge gibt ein fantastisches Motiv ab. Doch hat sich schon einmal jemand gefragt, was das Gähnen auslöst und wozu es gut ist?
Jawohl, Forscher haben sich damit befasst. Und die Organisation Wildlife Vets Namibia geht in ihrem jüngsten Newsletter darauf ein. Vor Ursache und Funktion kommt jedoch erst einmal die Definition: Was versteht man unter Gähnen?
"Das Gähnen ist ein bei Menschen und Tieren auftretendes reflexartiges Verhalten. [...] Der Vorgang beginnt mit einem tiefen Atemzug, in dessen Verlauf der Mund weit geöffnet wird", stellt Wikipedia fest: "Während des gesamten Ausatmens wird der Mund allmählich geschlossen."
Und fügt hinzu: "Die meisten Säugetiere und viele andere Wirbeltiere gähnen." – Nun zur Frage nach dem Effekt des Gähnens.
Viele meinen, dass durch das tiefe, lange Einatmen mehr Sauerstoff ins Blut kommt und ins Gehirn geliefert wird. Das haben einige Studien jedoch nicht bestätigen können, wie Wildlife Vets Namibia und Wikipedia feststellen.
Besser belegt ist wohl die Erklärung, dass Gähnen zur Kühlung des Gehirns beiträgt. Wenn man tief einatmet und seine Gesichtsmuskeln dehnt, kann mehr kühleres Blut zum Gehirn fließen.
Dafür spricht auch die Beobachtung von Forschern, die Wildlife Vets Namibia erwähnt: Größere Tiere mit mehr Hirnmasse gähnen tendenziell länger. Je größer das Gehirn, desto mehr Kühlung benötigt es.
Vorbereiten aufs Ausruhen: Gähnende Löwin im Etosha Nationalpark im Norden Namibias. Foto: Sven-Eric Stender
Aber nun zurück zu den Ausgangsfragen nach Auslösern und Funktionen des Gähnens. Wir Menschen gähnen, wenn wir müde oder gelangweilt sind. Aber auch wenn wir aufwachen.
Und es gibt einen weiteren Auslöser: Wenn wir jemand sehen, der gähnt. Gähnen ist ansteckend, wie man zu Recht sagt. Die Forschung unterscheidet spontanes und ansteckendes Gähnen.
Erstaunlich ist, dass sich auch Tiere mit Gähnen anstecken können. Man hat es bei Schimpansen nachgewiesen und bei Löwen-Rudeln beobachtet. Selbst zwischen sozialen Lebewesen verschiedener Arten gibt es ansteckendes Gähnen, wie eine Studie zur Beziehung zwischen Mensch und Hund gezeigt hat.
Zu welchem Zweck man gähnt, richtet sich laut Forschung nach der Situation. Ist man müde oder gelangweilt, bereitet man sich damit aufs Ausruhen vor. Oder steigert seine Aufmerksamkeit. Letzteres ist lebenswichtig für Tiere, die stets auf der Hut sein müssen. Wer döst, nimmt weniger wahr und reagiert langsamer.
Das ansteckende Gähnen dagegen hat wohl eine soziale Funktion. Schimpansen können sich damit gegenseitig wach und aufmerksam halten. Oder auch Empathie ausdrücken, ihre emotionale Bindung stärken: Ja, ich bin auch müde oder gelangweilt. Ähnlich zwischen Mensch und Hund.
Bei Löwen, erklärt Wildlife Vets Namibia, kann ansteckendes Gähnen die 'motorische Synchronisation' fördern. Das Rudel handelt oft gemeinsam. Das Gähnen helfe den Tieren dabei, ihr Handeln aufeinander abzustimmen: "Lasst uns darauf vorbereiten, uns auszuruhen, weiter zu wandern oder zu jagen."